Jubiläum 50 Jahre St.Elisabeth 4. Teil

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Jubiläum “50 Jahre Kirche St. Elisabeth“ – 4. Teil

Kolumnen von Robert Walpen – Bilder von Josef Künzle

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (1.Teil)
Im Pfarreiarchiv von Kilchberg hat sich ein Band mit Protokollen der „Vinzenzkonferenz St. Elisabeth“ erhalten. Die Protokolle betreffen die Zeit zwischen dem 10. Dezember 1943 und dem 24. Januar 1952. Dann bricht die Reihe unvermittelt ab; weitere Unterlagen blieben nicht erhalten.
Aufgrund dieser Protokolle lässt sich die Tätigkeit des Vinzenzvereins während dieser acht Jahre nachvollziehen. Stärker als in den Protokollen des Kultusvereins sind daraus Kentnisse zu gewinnen, die direkt und ungefiltert vom täglichen, zum Teil harten Leben, einfacher Familien in den Jahren der Kriegszeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit berichten.
Die Protokolle werden von den Aktuaren in – meistens schöner – Handschrift verfasst. Alle ausser dem letzten sind mit Stahlfeder geschrieben; der letzte Schreiber benutzt bereits einen Kugelschreiber. „Kulis“ gibt es zwar schon zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, aber sie „klecksen“ manchmal. Erst der Franzose Marcel Bich bekommt das Problem in den Griff und bringt unter dem Namen BIC seinen Kugelschreiber auf den Markt. Damit beginnt gegen Ende 1950 das „Zeitalter des Kugelschreibers“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelschreiber)
Bevor nun auf die Tätigkeit des Vereins eingetreten werden kann, ist eine allgemeine Einführung zu den „Vinzenzkonferenzen“ angezeigt. Dann folgen sechs/sieben Beiträge über die caritative Tätigkeit der Organisation.

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (2. Teil)
Der Name „Vinzenzkonferenz“ oder „Vinzenzverein“ geht auf den heiligen Vinzenz von Paul zurück, der im 17. Jahrhundert in Frankreich lebt. Er gilt als Apostel der Caritas und als Patron der Vinzenzgemeinschaft.
Im Jahre 1833 gründet Frédéric Ozanam in Paris nach dem Vorbild des heiligen Vinzenz von Paul die erste Vinzenzgemeinschaft. In der Schweiz wird erstmals im Jahre 1846 in Genf eine Vinzenzkonferenz aufgebaut; in Kilchberg gibt es sie seit 1936.
Die Vinzentiner und Vinzentinerinnen sind eine Laienorganisation, die in besonderer Weise auf sozialem Gebiet tätig ist. Die Vinzenzkonferenzen arbeiten selbstständig und sind vielerorts in einer katholischen Pfarrei eingebettet, so auch in Kilchberg. Sie setzen sich diskret für Notleidende, Alleinstehende, Kranke oder Ratssuchende ein, leisten schnell und unbürokratisch persönliche und materielle Hilfe und helfen Armutsbetroffenen mit Beratung und Vermittlung in schwierigen Lebenssituationen. (Verfasst unter Beizug von http://www.kath-fr.ch/vinzenz).
Gemäss Protokoll der „8. Ordentlichen Generalversammlung“ vom 18. Februar 1944 hält Pfarrer Usteri abschliessend „noch einen kurzen Vortrag über das Thema: Was christliche Caritas nicht ist. Die christliche Caritas ist keine Schwärmerei, kein Sport und keine Liebhaberei. Caritas ist Liebe. Nicht Eigennutz und keine pharisäische Wohltätigkeit.“

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (3. Teil)
Die Mitglieder des Vinzenzvereins treffen sich in der Regel zweimal im Monat zu einer Sitzung. In der Generalversammlung vom 18. Februar 1944 steht dazu: „24 Sitzungen wurde im vergangenen Jahr abgehalten, welche sehr gut besucht wurden, durchschnittlich sechs Teilnehmer“.
Die Traktandenliste umfasst eine geistliche Lesung – das Verlesen des Protokolls – den Kassenbericht – die Familienberichte und Verschiedenes. Je nach Kirchenjahr kommt eventuell noch ein besonderes Traktandum hinzu, z.B. „Die Weihnachtsbescherung“ oder „Geschenke“ zur Erstkommunion oder der Firmung.
Am Ende jeder Sitzung wird jeweils eine Kollekte durchgeführt, welche Beträge zwischen fünf und zehn Franken einbringt.
Im ersten erhaltenen Protokoll vom 10. Dezember 1943 werden die „Weihnachtsgeschenke“ beschlossen: „Die Weihnachtsgaben werden an unsere Schützlinge wie folgt verteilt: Frau V., Frau Sch., Frau W. und Frau L. je 5 Franken. Der Frau H. werden 10 Franken in bar zugesprochen.“
Weitere zehn Familien erhalten 2–5 Meter Stoff, fünf Stück Suppenartikel und ein Paar Strümpfe. Diese zehn Familien erhalten zusätzlich „als geistige Kost je ein Büchlein mit dem Titel: „Das Ideal der christlichen Familie“.
Eine Firma in Zürich spendet sieben Gutscheine, mit welchen Lebensmittel in Kilchberger Geschäften gekauft werden können. Eine Familie meldet später, dass sie ihren Gutschein nicht einlösen konnte, „weil die Firma B. nicht mehr besteht“.

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (4. Teil)
In den Protokollen der Vinzenzkonferenz taucht immer wieder der Hinweis auf, dass eine Familie „eine Büchse Ovomaltine“ erhält. Der Vorstand beschliesst, auch selber einige wenige Büchsen davon anzukaufen, um sie bei Bedarf abgeben zu können.
Immer wieder steht auch, dass „Gutscheine“ abgegeben werden; z.B. am 17. März 1944: „Herr A. meldet, dass an Frau Ch. an Stelle eines Gutscheines für Milch, ein Gutschein für Lebensmittel abgegeben wurde. Herr B. dankt im Namen der Frau Ch. und stellt den Antrag, nochmals einen Gutschein für 10 Franken Lebensmittel abzugeben, was bewilligt wird. Verlangt wird, dass Frau Ch. die Lebensmittel bei Herrn K. kauft.“
Dieser Herr K. ist katholisch und besitzt ein Lebensmittelgeschäft in Kilchberg. Möglicherweise ist er der Spender des Gutscheines; möglich ist auch, dass auf diese Weise die Vinzenzkonferenz einen Glaubensgenossen unterstützt.
Auffallend ist, dass die Empfänger fast ausschliesslich „Familien“ oder „Frauen“ sind, kaum je erscheint dabei der Name eines Mannes.

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (5. Teil)
Immer wieder ist in den Protokollen von „Mietzinsbeiträgen“ die Rede, so z.B. im ersten erhaltenen Protokoll vom 10. Dezember 1943. „Der Familie K. wird pro Dezember der übliche Mietzinsbeitrag von 10 Franken zugesprochen. W. beantragt, der Familie P. pro Dezember 10 Franken Mietzinsbeitrag abzugeben, was bewilligt wird.“ Diese Beiträge lassen sich jeweils über einen längeren Zeitraum hin verfolgen.
Aussagekräftig werden diese Aussagen, wenn man sie mit den damaligen Mietpreisen vergleicht. Das Archiv des Statistischen Amtes in Zürich meldet für das Jahr 1941 folgende monatliche Durchschnittspreise:
– 2-Zimmerwohnung 67 Franken
– 3-Zimmerwohnung 83 Franken
– 4-Zimmerwohnung 98 Franken
– 5-Zimmerwohnung 114 Franken.
(Statistik Kanton ZH datashop@statistik.zh.ch.)
Die Mietzinsbeiträge der Vinzenzkonferenz entsprechen also einem wesentlichen Anteil am Mietpreis. Gemäss dem Kassabericht der Generalversammlung der Vinzenzkonferenz vom 18. Februar 1943 wurden im Vorjahr: „an Mietzinsbeiträgen Fr. 190.– geleistet“.
Dass der Stellenwert des Geldes damals ganz anders gewesen ist, wird auch aus folgender Meldung deutlich. Im Protokoll vom 17. März 1944 wird erwähnt: „Als dritte sehr erfreuliche Nachricht von Fr. 200.– konnte uns der hochwürdige Herr Pfarrer übermitteln, … Diese sehr grosse Gabe wird vom Präsidenten bestens verdankt.“

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (6.Teil)
In einigen Fällen hilft die Vinzenzkonferenz auch, wenn eine Familie von einem Unglück heimgesucht wird.
Im Protokoll vom 4. Februar 1944 steht z.B. „Herr A. meldet, dass Herr B. schwer verunglückt sei und dazu soll diese Familie unterstützungsbedürftig sein. Herr R. wird beauftragt, diese Familie zu besuchen und an der nächsten Sitzung Bericht abzustatten.“
In der folgenden Sitzung findet sich dazu allerdings kein Eintrag, dafür ein anderer: „Herr A. berichtet, dass Herr M. im Spital sei und sie müssen dem armen Mann ein Bein abnehmen. Im Falle, dass um eine Unterstützung gebeten wird, so wird Herr A. ermächtigt, dass er ohne weiteres eine angemessene Unterstützung geben kann.“
Am 29. September 1944 wird ein weiterer schwerer Fall geschildert: „Herr A. teilt mit, dass Herr S. seit längerer Zeit im Spital ist und wahrscheinlich unterstützungsbedürftig ist. Herr A. wird beauftragt, Frau S. zu besuchen. Am 13. Oktober des gleichen Jahres wird von der Notlage einer Dienstmagd berichtet: „Herr A. schildert uns die Verhältnisse von einem Dienstmädchen namens W. welches bei Frau Dir. E. wohnhaft ist. Daraus ist zu entnehmen, dass dieses Dienstmädchen in einer Notlage ist. Herr A. stellt den Antrag, um auszukundschaften, ob Hilfe nötig sei und Fr. 25.– in bar abzugeben, was bewilligt wird.“ Ob „Frau Direktor“ von der Notlage ihres Dienstmädchens wusste oder nicht wissen wollte, verschweigt das Protokoll.

Die Vinzenzkonferenz St. Elisabeth (7.Teil)
Zu den besonderen Traktanden einer Sitzung zählen Vergabungen zur Erstkommunion oder weniger häufig zur Firmung.
Am 31. März 1944 beschliesst die Vinzenzkonferenz: „An folgende (minderbemittelte) Erstkommunikanten soll gratis Kerzen abgegeben werden; (es folgen die Namen von fünf Kindern). Herr A. meldet, dass das Kommunionkind von E. einen Anzug benötigt. Es werden Fr. 30. an das Kleid bewilligt. Das Kommunionkind von Ch. benötigt ein Paar Schuhe, welche von uns angeschafft werden. Ferner wird Herr B. ermächtigt, um für W. ein Paar Schuhe zu kaufen. Auf Antrag von Herrn A. wird an das Kommunionkind von R. Fr. 20. In bar bewilligt.
Auffallend ist auch, dass zumindest ein Kind unter den Begünstigten zu finden ist, dessen Familie auch einen Mietzinsbeitrag erhält und zu den Beschenkten an Weihnachten gehört.
In einem Protokoll ist auch der Hinweis zu finden, dass man Bedürftige auch auf andere Hilfswerke hinweist. „Herr A macht die Mitteilung, dass man die Schützlinge aufmerksam machen soll auf die Winterhilfe. Sie müssen ein Formular beziehen und dieses ausfüllen.“
Mit diesem siebten Beitrag zur „Vinzenzkonferenz“ soll nun das Thema beschlossen werden. Abschliessend bleibt festzuhalten, wieviel versteckte Armut in Kilchberg zu finden war und wieviel Gutes die Mitglieder der Vinzenzkonferenz im Stillen geleistet haben.